In der zweiten Förderphase des Verbundes wird die aktive gesellschaftliche Gestaltung der Werteproduktion durch Geschichte in den Vordergrund gerückt.

Unsere übergreifenden Fragen richten sich darauf, wie in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Evidenz hergestellt wird, wie sich Raum-Zeit-Konstruktionen und Geschichtsvorstellungen wechselseitig beeinflussen, und wie die Vergangenheit als Ressource zur gesellschaftlichen Wertverhandlung und Wertschöpfung genutzt wird.

Forschungsfokus I, Evidenzproduktion, nutzt die Doppelbedeutung des Evidenzbegriffs als Beweis (evidence) und augenscheinlicher Einsicht (certainty), um die Überzeugungskraft von materiellen und dokumentarischen Beweisen im Kontext von Geltungshorizonten und historisch konfigurierten Sinnwelten zu untersuchen.

Untersucht werden evidenzbezogene Werte und Wertzuschreibungen wie Original und Authentizität, Dokument-, Zeugnis- und Urkundenwert. Erforscht wird, wie Heuristiken, Archive und Sammlungen unser Wissen strukturieren. Mediale Repräsentationen werden dahingehend hinterfragt, wie durch sie Geschichten ausgewählt, bewahrt, begründet, bewiesen, dokumentiert und kommuniziert werden.

Erforscht wird, wie Forschungsfragen und Forschungsergebnisse transparent  kommuniziert und Teilhabe ermöglicht werden kann (Open und Citizen Science). 

Forschungsfokus II, Raum-Zeit-Konstruktionen, untersucht raumzeitliche Ordnungsmuster, die Geschichtsvorstellungen zugrunde liegen und wertebildend wirken.

Werte wie "Schöpfung", "Ursprung", "Tradition", "Bewahren", "Kontinuität", "Alterswert", "historischer Wert", "Wandel", "Moderne" oder "Nachhaltigkeit" sprechen die zeitliche Dimension an. Werte wie "Heimat", "Nation", "Natur", "Kulturlandschaft", "Europa" oder "Mobilität" dienen hingegen der räumlichen Verortung und horizontöffnenden Grenzüberschreitung.

In der Forschung besteht nach wie vor ein Defizit, Interdependenzen von Raum- und Zeitvorstellungen daraufhin zu untersuchen, wie politische, lokale, globale ebenso wie (geschichts-)kulturelle Räume und ihre (epochenbildenden) Temporalstrukturen Voraussetzung wie Ergebnis von Wertzuschreibungen sind.

Diesem Zusammenhang raumzeitlicher Wertebildung widmen sich insbesondere die Arbeitsgruppen „Dynamische Raum-Zeit-Konstruktionen“ und "Mensch-Natur-Verhältnisse im Anthropozän".

Forschungsfokus III befasst sich mit Wertverhandlung und Wertschöpfung in Auseinandersetzungen über Geschichte.

Geschichte ist stets umkämpft und Ausgangspunkt für Identitäts- und Verteilungskämpfe. "Identität" und "Diversität", "Aufklärung" und "Emanzipation", "Freiheit" und "Demokratie", "Solidarität" und "Gerechtigkeit" , "Selbstbestimmung" und "Menschenrechte" sind Beispiele für gesellschaftliche Werte, die oftmals historisch begründet werden. Wir untersuchen in historischer Perspektive Wertverhandlungen, die das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft sowie das Verhältnis von „Globalem Süden“ und „Norden“ adressieren. Analysiert werden damit auch Machtverhältnisse sowie Inklusions- und Exklusionsmechanismen.

Die Frage nach Wertverhandlungen wird mit der Analyse von Inwertsetzungs- und Verwertungsprozessen verknüpft. In den Blick kommen dadurch der Wert der (gebauten) Umwelt und ihre nachhaltige Nutzung, kulturelle Werte von Objekten und Sammlungen, oder der Wert der Vergangenheit in Prozessen des Strukturwandels. Das schließt auch die ökonomische Nutzbarmachung der Vergangenheit ein, bis hin zu Themen wie Reparations- und Restitutionsverfahren.