Wie blicken Kunst, Literatur und Film auf den Strukturwandel in den ehemaligen Bergbauregionen Ost- und Westdeutschlands? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Abendveranstaltung am 28. Mai 2026 in der historischen Bergschmiede der Zinngrube Ehrenfriedersdorf.

Präsentiert wurde die im vergangenen Herbst erschienene Publikation „Bergbaulandschaften in Ost und West. Künstlerische Konstruktion von Industrieräumen in der Transformationszeit". Die Herausgeber:innen Dr. Katja Stopka (ZZF Potsdam) und Dr. Michael Farrenkopf (montan.dok Bochum) stellten den Band gemeinsam mit der Historikerin Betina Meißner und dem Künstler Michael Knauth vor, die an dem Buch mitgewirkt haben. Die Kooperation mit dem Besucherbergwerk verknüpfte aktuelle Transformationsforschung eng mit künstlerischer Praxis und regionaler Erinnerungskultur.

Der „Wert der Vergangenheit" im Strukturwandel

Im Zentrum stand die Frage, wie bildende Kunst, Fotografie, Film und Literatur die tiefgreifenden industriellen Umbrüche seit den späten 1980er-Jahren im kollektiven Gedächtnis verankern. Die Aufsatzsammlung dokumentiert eindrucksvoll, dass das Ende der Montanindustrie kein reiner Wirtschaftsprozess war. Es veränderte die Ökologie, die sozialen Gefüge und die kulturelle Identität der Menschen radikal.

Veranschaulicht wurden diese vielschichtigen Perspektiven am Abend durch konkrete Einblicke in die Beiträge des Bandes: 

  • Landmarken im Ruhrgebiet: Vorgestellt wurde unter anderem die historische Untersuchung von Sylvaine Hänsel über die symbolträchtige Transformation westdeutscher Industrieräume.
  • Installationen in Ehrenfriedersdorf: Der lokale Bezug wurde durch die künstlerischen Arbeiten von Michael Knauth verdeutlicht, der sich intensiv mit dem Zinnabbau auseinandersetzt. 
  • Lyrik und Prosa der Transformation: Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Analysen von Michael Ostheimer, der die literarische Verarbeitung der ostdeutschen Montanindustrie nachzeichnet. 

Die Diskussion am authentischen Ort des sächsischen Zinnbergbaus machte trotz vieler Gemeinsamkeiten in den Bergbauregionen Ost und West auch deutliche Unterschiede sichtbar: Während im Westen ein jahrzehntelanger Abschied stattfand, kam das Ende für viele ostdeutsche Reviere abrupt. Das Publikum nutzte den Abend intensiv, um eigene Erfahrungen einzubringen und über die Zukunft von Erinnerungslandschaften zu debattieren. 

Perspektivwechsel unter Tage

Abgerundet wurde das Programm am Folgetag durch eine exklusive Befahrung der Zinngrube Ehrenfriedersdorf. Für die Projektbeteiligten ging es unter Tage, um die Spuren der Bergbaugeschichte und des darauffolgenden Strukturwandels direkt vor Ort hautnah zu erleben – ein eindrucksvoller Abschluss, der die theoretischen Debatten des Vorabends greifbar machte.

Das Buch „Bergbaulandschaften in Ost und West" ist im Buchhandel sowie direkt über den Wallstein Verlag erhältlich.

Dieses Bild zeigt die Veranstalter oben am Eingang in die Grube.
Der Raum mit Gästen bei der Buchvorstellung.
Katja Stopka und Michael Farrenkopf in Arbeitskleidung bei der Besichtigung der Grube.
Die Teilnehmer der Grubenbesichtigung unter Tage.