Konferenz "Rewilding in Europe" – Eindrücke von Studierenden
Vom 19. bis 21. März 2025 fand im Museum Koenig Bonn (Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels) die interdisziplinäre und internationale Konferenz „Rewilding in Europe – Genealogies, Imaginaries and Practices of Conservation in Europe“ statt. Organisiert wurde sie vom Lab 2.3 "Entgrenzungen: ZeitRaum-Wahrnehmungen des Anthropozäns" des Leibniz-Forschungsverbundes „Value of the Past“ durch Dr. Katharina Schmidt-Loske, Prof. Dr. Helmuth Trischler und Prof. Dr. Willi Xylander, gemeinsam mit Dr. Bernhard Gissibl und Dr. Jordi Serangeli.
Eine Gruppe Studierender von Willi Xylander nahm ebenfalls an der Konferenz teil. Die Studierenden des Moduls „Ökosystemkunde“, ein Modul eines gemeinsamen Studiengangs des Internationalen Hochschulinstituts der TU Dresden und der Hochschule Zittau/Görlitz, durchgeführt in Kooperation mit dem Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz, berichten an dieser Stelle von ihren Konferenzeindrücken.
"Insgesamt hat die Tagung meine Sichtweise auf das Thema Rewilding erweitert und mir neue Impulse für den Umgang mit Naturschutzthemen gegeben. Ich verlasse diese Veranstaltung mit einem Gefühl der Zuversicht, dass der Diskurs über den Erhalt und die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume in der Wissenschaft ernsthaft und vielschichtig geführt wird." (Auszug aus dem Bericht von Alexander Huth)
Konferenzeindrücke der Studierenden
„Schließ die Augen. Was siehst du, wenn ich den Begriff Wildnis nenne? Male es dir aus, gib dem ganzen Farbe“, begann Anna-Kathatina Wöbse ihren Vortrag zu „A visual history of rewilding“. Nachdem zwei Tage bereits über Rewilding gesprochen wurde, konnten dazu unterschiedliche Bilder vor dem inneren Auge entstehen: Europa, besiedelt von Mammuts, Elchen und Bären; artenreiche Weiden auf denen schnaubende Wisente stehen, während auf einem kleinen Feld daneben das Heu eingeholt wird und die Feldhamster fleißig herumflitzen; oder doch womöglich eher ein dichter flächendeckender Buchenwald? Wildnis, so war bereits am zweiten Tag der Tagung klar, hat viele Facetten. Es kommt auf den Blickwinkel an und wie durch Saara Mildebergs Vortrag über den Nationalpark Sooma in Estland klar wird: die Bedürfnisse und Werte eines jeden Menschen.
Eigentlich ein Paradox: Wildnis ist für viele eine Natur ohne Mensch, aber Wildnis heute funktioniert nur, wenn Menschen zusammenarbeiten, sodass sie sich wieder entfalten kann. Luigi Boitanis Sichtweise, der länger im Wolf-Business ist, als meine Eltern leben, hatte hier besonders eindrücklich zu berichten. Visualisieren wir den Wolf doch einmal im Kontext von Frau Wöbse - wo sehen wir ihn? In dichten Wäldern, in ewiger Natur, wo nirgendwo eine Menschenseele zu sehen ist. Dabei ist der Wolf, so erinnert uns Boitani, schon lange in unseren Vororten angekommen. Er zeigt ein Bild von einem Wolf, der die Straße in einer Siedlung quert. Dahinter ein Mädchen, auf einem Fahrrad. Die Wildnis in der Vorstadt? Viel mehr das Plädoyer, das die Wildnis, welche wir ersehnen, für viele Tiere sowieso nicht mehr existiert. Die neue Wildnis ist grau, voller Beton und Störelemente, die die Wanderung erschweren, aber nicht unmöglich machen. Die Wildnis, die wir Menschen geschaffen haben, ist hart. Hier überleben nur Raubtiere und Megaherbivore, die vom Menschen gewollt sind. Konflikt-/ und Nutzungsmanagement muss geleistet werden, Interessen abgefragt, Entscheidungen erklärt, Tierzahlen reguliert und Schäden subventioniert werden. Denn sonst endet Rewilding so, wie Claudia Witte es uns erzählte: Nach zehn Jahren Erfolg mit einer nun doch wieder eingezäunten Herde Wisente.
Deutlich wird, dass nur wenn alle Zahnräder des Managements mit jenen der Akteure langfristig ineinandergreifen, die „Wildnis“ nach Deutschland zurückkehren darf. Eindrücklich bewiesen wird dies durch Berichte aus der Döberitzer Heide. Hier konnte die Biodiversität durch das Einführen der Wisente wieder deutlich anstiegen und Arten zurückkehren, die ausgestorben geglaubt waren. Das Oder Delta zeigt, wie grenzüberschreitende Wildnis funktionieren kann, wo Seeadler und Biber leben können. Und da der Mensch nicht aus dem Rewilding ausgeschlossen werden sollte, kann er als Tourist an jenen Orten verweilen – nur nicht mehr als Dauerbewohner, das sind jetzt andere.
Der renommierte Naturfilmer Jan Haft sprach in seinem Bildgewaltigen Vortrag von der „Architektur der Wildnis“. Viele Aufnahmen stammen aus Rumänien, wo noch extensiv bewirtschaftete Weiden die Landschaft prägen. Er zeigt, wie Artenvielfalt ansteigen kann, wenn nicht mehr gemäht wird, sondern gezielt Rinder, Schafe, Pferde und sogar „stinknormale Kühe“ eingesetzt werden. Die Kulturlandschaft, die auch einst des Feldhamsters Heimat war, als Bildnis der Wildnis. Auch hier ist der Mensch der Architekt der herbeigesehnten Wildnis. Damit muss man wohl seinen Frieden schließen.
Die Teilnahme an der Rewilding Tagung in Bonn hat bei mir sehr viele Eindrücke hinterlassen und neue Perspektiven eröffnet. Die zahlreichen Vorträge haben zunächst das Thema des Rewilding aus verschiedenen Betrachtungswinkeln erörtert. Dabei wurde beispielsweise die Vergangenheit betrachtet und die Frage gestellt: wie sah die heimische Wildnis überhaupt aus? Im Vergleich zur heutigen „Wildnis“ in Mitteleuropa, war die Landschaft in den letzten 10.000 Jahren geprägt von einer Vielzahl an sogenannten Megaherbivoren. Große Pflanzenfresser wie Mammuts, Wisente, Riesenhirsche und viele mehr. Diese Megaherbivoren hielten die Landschaft offen und sorgten für eine freie Grassteppe. Wie deutlich wurde, fanden diese Megaherbivoren ihr Ende vermutlich nicht im Wandel des Klimas oder ähnliches. Es war der Einfluss des Menschen und der Jagddruck, welcher die Abwesenheit dieser Tiere heute zur Ursache hat. Allerdings liegt der Verlust der Megaherbivoren und auch der daran angepassten Carnivorenfauna nicht nur viele Tausend Jahre zurück. Tiere wie der Auerochse zum Beispiel waren bis vor wenigen hundert Jahren noch existent.
Eines der Vorgestellten Projekte bei Soest beschäftigte sich mit der Zucht und Freilandhaltung von Rindern, welche dem Auerochsen möglichst ähnlich sein sollten. Dabei war die Anlehnung an dieses Tier nicht nur ein Versuch eine vergangene Ästhetik wiederzubeleben. „Design folgt Funktion“ erklärt die Autorin Magret Bunzel-Drüke und drückte damit die Hoffnung aus, nicht nur ein Tier zu züchten, das dem Auerochsen ähnlich sieht, sondern sich auch ähnlich verhält und genauso widerstandsfähig ist. Auch wenn es nicht das ursprüngliche Ziel dieses Projektes war, wurde schnell der positive Einfluss auf die Flora und Fauna durch die Rinder und auch Pferde deutlich.
Ähnlich begann das Projekt im Rothaargebirge, bei welchem unter viel Aufwand Wisente in einer 89ha Fläche nahezu wild gehalten wurden. Der Ausgangspunkt der europäischen Bisons war eine kleine Herde mit acht Exemplaren. Über 10 Jahre hinweg vermehrten die Wisente sich auf über 40 Tiere und auch die lokale Bevölkerung hatte die Wisente größtenteils befürwortet. Leider befinden sich die Wisente heute in einem kleineren Gehege, da einige der Landbesitzenden die Tiere und ihren Einfluss auf die Landschaft nicht mehr dulden wollten.
Auch der Vortrag von Luigi Boitani zum Thema Wolf, welchen er mit annähernd 50 Jahren Wolfserfahrung hinterlegte, war sehr geprägt von Akzeptanz und Konflikten bezüglich dieses Carnivoren. Boitani hat sehr beeindruckend nicht nur gezeigt, wie sich die Wolfsbestände in Europa erholen, sondern auch wie wichtig es ist, Kompromisse zu machen. Sowohl die Schafshalter, die sich mit dem Wolf konfrontiert sehen, als auch die Wolfsliebhaber, welche den Wolf schützen wollen, müssen dabei bereit sein, Ansprüche abzutreten und sich zu einigen.
All diese Ergebnisse der Tagung fanden für mich eine ideale Zusammenfassung in dem Vortrag: Die Architektur der Wildnis von Jan Haft. Herr Haft hat sehr gelungen gezeigt, wie maßgeblich wir Menschen unsere Landschaft veränderten, als wir die Großen Tiere der Landschaft entnommen haben. Der Buchenwald als flächendeckendes Sukzessionsendstadium wurde für mich erstmals in Frage gestellt. Besonders rührte mich zu sehen, wie Große Herbivoren Lebensräume für alle anderen Lebewesen ob Insekten, Vögel oder Pilze schaffen und damit verbildlicht wurde, dass Leben noch mehr Leben hervorbringt.
Die Tagung in Bonn entlässt mich mit der Hoffnung, dass es möglich ist, Kompromisse zwischen Menschen und Tieren zu finden und eine schöne Landschaft, die voller Leben ist zu erleben.
Die Teilnahme an der Rewilding-Tagung in Bonn war eine äußerst bereichernde Erfahrung. Besonders beeindruckend war die interdisziplinäre Herangehensweise an das Thema. Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen – von Biologie über Archäologie bis hin zu Anwälten – präsentierten ihre Perspektiven und eröffneten neue Blickwinkel auf den Naturschutz und die Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme. Ein zentrales Thema der Tagung war die Rolle großer Pflanzenfresser in der europäischen Natur. Ihre Bedeutung für die Landschaftsgestaltung und das ökologische Gleichgewicht wurde eindrucksvoll dargelegt. Besonders faszinierend war die Erkenntnis, dass diese Tiere eine enorme Chance für den Natur- und Artenschutz in Europa darstellen könnten.
Ein besonders ermutigendes Gefühl vermittelte die Tatsache, dass der Schutz und Erhalt der Natur in wissenschaftlichen Kreisen intensiv diskutiert wird. Der rege Austausch und die fachübergreifenden Ansätze zeigten, dass es ein großes Interesse daran gibt, nachhaltige Lösungen für die Herausforderungen des Naturschutzes zu entwickeln.
Ein persönliches Highlight war für mich der Veranstaltungsort – das beeindruckende Museum Koenig in Bonn. Ebenso nachhaltig beeindruckt hat mich der Vortrag von Luigi Boitani, der eindrucksvoll darlegte, wie wichtig Kompromisslösungen in Umweltfragen sind. Am Beispiel des Wolfs zeigte er, dass es essenziell ist, zwischen dem Schutz der Tiere und den berechtigten Interessen der betroffenen Bevölkerung, wie etwa Schafshaltern, einen Ausgleich zu finden. Diese Einsicht hat mir verdeutlicht, dass Naturschutz nicht nur ökologische, sondern auch gesellschaftliche Herausforderungen mit sich bringt.
Insgesamt hat die Tagung meine Sichtweise auf das Thema Rewilding erweitert und mir neue Impulse für den Umgang mit Naturschutzthemen gegeben. Ich verlasse diese Veranstaltung mit einem Gefühl der Zuversicht, dass der Diskurs über den Erhalt und die Wiederherstellung natürlicher Lebensräume in der Wissenschaft ernsthaft und vielschichtig geführt wird.
Schon der Beginn der Tagung „Rewilding in Europe: Genealogies, Imaginaries and Practices of Conservation in the Anthropocene“ in Bonn war beeindruckend. Als Masterstudent unter führenden Wissenschaftlern zu stehen, die über die Zukunft des Naturschutzes debattierten, war eine Erfahrung, die mich nachhaltig prägte. Die eindrucksvolle Kulisse des Museums verlieh dem Ereignis eine fast ehrfürchtige Atmosphäre – ein passender Ort, um über die Rückkehr der Wildnis zu sprechen.
Einige der Themen waren mir aus meinen Ökologie-Vorlesungen bekannt, doch es gab auch zahlreiche neue Impulse. Besonders spannend war die intensive Diskussion darüber, was „Rewilding“ eigentlich bedeutet. Im Deutschen gibt es kein direktes Wort dafür, und schnell wurde klar, dass auch die Definition stark variieren kann. Was für den einen „Wildnis“ ist, kann für den anderen bereits ein menschengemachtes Landschaftsbild sein. Eine Zuhörerin brachte es treffend auf den Punkt: „In der Biologie und Ökologie gibt es kein Schwarz und Weiß, sondern nur Grautöne – und diese wiederum in unterschiedlichsten Schattierungen.“ Ein Höhepunkt der Tagung war für mich der fesselnde Vortrag von Margret Bunzel-Drüke. Mit eindrucksvollen Beispielen verdeutlichte sie die essenzielle Rolle großer Pflanzenfresser in Ökosystemen. Besonders faszinierend war die Diskussion darüber, wie diese Tiere das Landschaftsbild nachhaltig prägen. Zwar hatte ich in meinen Vorlesungen bereits gelernt, dass Wildtiere ihre Habitate aktiv gestalten, doch erst hier wurde mir das Ausmaß ihres Einflusses wirklich bewusst.
Ergänzend dazu beeindruckte mich der Beitrag von Klaudia Witte mit dem Titel „Bringing Back the Bison – Lessons from the German Rothaargebirge“ besonders. Ihr Vortrag beleuchtete die Auswilderung einer kleinen Bisonherde, die im Laufe der Jahre auf 40 Tiere anwuchs – ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass sich große Pflanzenfresser auch in Deutschland wieder ansiedeln lassen. Doch nicht alle begrüßten diese Entwicklung: Einige Menschen fühlten sich durch die Tiere gestört – eine Erinnerung daran, dass es längst nicht nur darum geht, Wildtiere in die Natur zurückzubringen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie der Mensch mit dieser neuen Realität umgeht. Über Jahrhunderte hinweg haben wir die echte Wildnis nahezu verdrängt. Nun müssen wir lernen, Kompromisse zu finden, um mit diesen Tieren zu koexistieren.
Auch Luigi Boitanis Vortrag über die Wiederansiedlung von Wölfen machte dies deutlich. Wölfe halten sich nicht nur in vorgesehenen Schutzgebieten auf, sondern tauchen zunehmend in städtischen Regionen auf. Um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen, bedarf es daher nicht nur ökologischer, sondern auch gesellschaftlicher Konzepte, die Akzeptanz und Bewusstsein für Wildtiere fördern. Ein weiteres visuelles und emotionales Highlight war der Beitrag des renommierten Naturfilmers Jan Haft. Seine beeindruckenden Bilder und Videos zeigten eindrucksvoll, wie große Pflanzenfresser – ganz im Sinne der Theorien von Margret Bunzel-Drüke – die Landschaft formen. Besonders die Aufnahmen aus Rumänien verdeutlichten, wie Weidetiere offene und halboffene Landschaften gestalten und damit zur Artenvielfalt beitragen.
Auch über die Tagung hinaus setzten sich die Diskussionen über Rewilding fort – insbesondere unter uns Studierenden. Was bedeutet Wildnis für jeden Einzelnen? Wo sollten Grenzen gezogen werden? Wer entscheidet darüber, welche Arten wiederangesiedelt werden? Diese Tagung hat mir gezeigt, dass Rewilding weit mehr ist als Naturschutz – es ist eine Debatte über unsere Verantwortung gegenüber der Natur.
Die "Rewilding"-Tagung im Museum Koenig in Bonn begann mit drei verschiedenen Vorträgen zu dem Thema: "Genealogies of Rewilding" - eine Einführung in den Rewilding Begriff.
Alexandra Locquet begann ihren Vortrag mit einer Einführung in ded Begriff "Wilderness" (Wildnis), der für das Verständnis von Rewilding als Nature Conservation Strategy von entscheidender Bedeutung ist. Der Begriff “Wilderness” umfasst wichtige Konzepte wie natürliche und freie Evolution, Rewilding, die Natürlichkeit von Lebensräumen und das Wildland. Sie erklärte, dass „Wilderness“ eine Umwelt beschreibt, die nicht signifikant vom Menschen verändert wurde. Solche unberührten Lebensräume existieren heute jedoch nicht mehr. Der derzeit dominierende anthropozentrische Ansatz sei mit den Zielen des Rewilding unvereinbar, da der Mensch oft in natürliche Prozesse eingreift und diese dadurch behindert.
Im Anschluss vertiefte Margret Bunzel-Drüke den Gedanken des Rewilding. Das Ziel sei es, mit Hilfe von “Rewilding”, zerstörte und verlorene Ökosysteme wiederherzustellen. Dies schließt Maßnahmen wie Aufforstung, die Wiederansiedlung von Schlüsselarten (sogenannte „Keystone Species“ oder „Umbrella Species“), die Förderung ungestörter Vegetation und die Renaturierung von Mooren ein. Ein zentraler Aspekt des “Rewilding” ist die Schaffung mosaikartiger Landschaften, die verschiedene Lebensräume miteinander verbinden. Ziel ist es, dichte Wälder zu vermeiden und stattdessen wieder vermehrt offene Landschaften zu schaffen. Dies kann durch die Wiederansiedlung von großen Pflanzenfressern wie Bison und Wisent sowie grasenden Tieren erreicht werden.
Im abschließenden Vortrag des ersten Tagungs-Panels machte Brenda Maria Zoderer auf die rechtlichen und regulatorischen Herausforderungen des “Rewilding” aufmerksam. Derzeit existiert kein einheitliches rechtliches Rahmenwerk für “Rewilding”, was dazu führt, dass Projekte weltweit auf sehr unterschiedliche Weise umgesetzt werden. Oft fehlen klare Vorgaben oder Standards, die eine effektive Überwachung oder Bewertung der Projekte ermöglichen würden. Zoderer betonte, dass “Rewilding” eine Vielzahl von Zielen verfolgt – von ökologischen bis hin zu sozioökonomischen Aspekten. Daher variieren die Ansätze und Strategien je nach Projekt und Region. Insgesamt wurden sechs verschiedene “Rewilding”-Strategien identifiziert, die weltweit verfolgt werden. Ein einheitliches Rahmenwerk, das diese verschiedenen Ansätze differenziert und in klare Richtlinien übersetzt, könnte den langfristigen Erfolg der Projekte sichern.
Ein zentraler Punkt der Diskussion am Ende des ersten Panels war die Einbeziehung der lokalen Gesellschaft in “Rewilding”-Projekte. Es wurde betont, dass ein tieferes Verständnis der historischen, kulturellen und natürlichen Gegebenheiten vor der Umsetzung von "Rewilding-Initiativen" unerlässlich ist. Lokale Gemeinschaften verfügen oft über wertvolles Wissen darüber, wie Landschaften in der Vergangenheit aussahen. Die Einbindung dieser Gemeinschaften fördert daher nicht nur die Akzeptanz von “Rewilding”-Initiativen, sondern ist auch entscheidend für deren langfristigen Erfolg.
Die Tagung zum Thema “Rewilding in Europe” war für mich, wie für die meisten von uns Studierenden, die erste Erfahrung dieser Art. Zwar habe ich in den vergangenen Jahren schon an ein bis zwei Fachtagungen teilgenommen, jedoch waren diese meist auf regionale Themen ausgerichtet und auf einen Tag oder Nachmittag begrenzt. Eine internationale wissenschaftliche Tagung dieser Länge und mit renommierten Wissenschaftler*innen war etwas komplett Neues.
Inhaltlich ging es in den drei Tagen darum, wie es gelingen kann, das dicht besiedelte Europa wieder ein Stück wilder zu machen und der Natur ein bisschen Selbstständigkeit und Raum zur Entfaltung zurückzugeben. Dabei wurden archäologische/paläontologische Einblicke gegeben, um einen wilden Ausgangszustand des Kontinents kennenzulernen. Es wurden Erfahrungen aus Projekten wie der Wiedereinführung von großen Pflanzenfressern in Europa oder dem “wiederverwildern” des Oderdeltas geteilt, um Erfolge anderswo wiederholen zu können und Misserfolge anderer zu vermeiden. Aber auch gesellschaftswissenschaftliche, ethische und rechtliche Aspekte wurden vorgestellt und diskutiert. Hier kam besonders der interdisziplinäre Ansatz der Organisator*innen zur Geltung.
Auch wenn ich dabei wahnsinnig viel gelernt habe, neue Konzepte kennengelernt habe, im Studium behandelte wiedererkannt sowie teilweise korrigiert bekommen habe und eine ganze Liste an Themen und neuen Buchempfehlungen zur eigenen Recherche mit nach Hause gebracht habe – der größte Mehrwert war die Veranstaltung an sich: Die Atmosphäre des Austausches. Das “ins Gespräch kommen” mit Menschen, die seit Jahrzehnten, teilweise mehr als das Doppelte meiner Lebenszeit, im Naturschutz forschen. Das erstmalige “am eigenen Leib” erleben von wissenschaftlichem Diskurs, den Diskussionen nach den Panels, das gegenseitige Kritisieren und Hinweisen, stets freundlich, respektvoll und konstruktiv mit dem Ziel, einen gemeinsamen wissenschaftlichen Konsens zu finden.
Ich habe die Tagung mit dem Gefühl verlassen, das Richtige zu tun, mich für das richtige Studium entschieden zu haben. Ich habe Hoffnung gewonnen, dass es sich lohnt, für Biodiversität und Wildnis zu kämpfen. Auch wenn der Zeitgeist das Gegenteil angibt. Auch wenn die EU ihre nicht erreichten Biodiversitätsziele von 2020 auf 2030 wieder kopiert hat ohne irgendeinen erkennbaren Fortschritt. Und ich habe erlebt, dass Wissenschaftler*innen nicht nur ehrfürchtige Namen am Kopf eines Papers oder in Hausarbeiten vor ein “et al.” geparkte Phantome sind, sondern Menschen mit denen man trotz des immensen Erfahrungsgefälles auf Augenhöhe ins Gespräch kommen kann.
Die Rewilding-Tagung in Bonn im Museum Koenig war für mich die erste Fachtagung, an der ich teilnahm und somit schon alleine dessen eine wertvolle und interessante Erfahrung, die mich bereicherte. Besonders spannend fand ich die Vielfältigkeit an Perspektiven und wissenschaftlichen Richtungen, aus denen das Thema „Rewilding“ aufgegriffen wurde. Ebenso die Frage, was wir überhaupt darunter verstehen und wie der Begriff zu definieren sei, fand ich spannend. Auch noch so simpel wirkende Fragen wie „Was ist Wildnis überhaupt?“, “Was ist das Ziel von Naturschutz?”, “Wie sieht ein gesundes Ökosystem aus?", sind komplexer und tiefgreifender als sie scheinen. Es war schön mitzuerleben, wie unterschiedlich Fachleute an das Thema herangegangen sind, wie offen und respektvoll diskutiert wurde und gemeinsam ein Ziel verfolgt wurde und natürlich weiterhin verfolgt wird.
Ein Aspekt der Tagung, den ich persönlich für sehr relevant halte und der immer wieder in verschiedenen Vorträgen vorkam, war die Außenkommunikation mit der allgemeinen Bevölkerung. Wie kann man wissenschaftliche Themen und Erkenntnisse verständlich kommunizieren oder auch in politische Entscheidungen einbringen? Wie lässt sich das Phänomen „false balance“ im öffentlichen Diskurs vermeiden? Luigi Boitani berichtete in seinem Vortrag „Conservation going (re)wild – participant observation“ über die Rolle von Wölfen in Ökosystemen und, dass deren positiven regulierenden Eigenschaften teils überschätzt werden und eine kritischere, differenziertere Auseinandersetzung nötig wäre.
Aber ebenso irrtümlich seien aktuelle Rechnungen, ab wann eine Wolfspopulation zu groß sei und die Kapazitätsgrenze des Ökosystems erreichen würde. Ferner weicht auch das Verständnis der Bevölkerung, was ein gesundes „wildes“ Ökosystem bedeutet, oft stark von den tatsächlichen Gegebenheiten ab. Der Wald als solcher gilt bisweilen immer noch in der Allgemeinheit als das erstrebenswerteste Ökosystem. Weisen doch manche mitteleuropäischen Wälder wie z.B. der Buchenwald nur eine geringe Biodiversität auf und verdrängen mit ihrer Beschattung viele Tier- und Pflanzenarten, die Offenlandflächen bevorzugen oder gar zwingend benötigen.
Die Vorträge der Tagung und die Diskussionen haben mich noch lange beschäftigt und viele Gedanken angestoßen. Ein paar Fragen konnten für mich während der Tagung geklärt werden, aber noch viel mehr offene Fragen sind dazu gekommen, die noch beantwortet werden möchten. Und eben dies ist es, was Wissenschaft für mich ausmacht. Das Aushalten vieler offener Fragen und auch uneindeutiger Antworten, mit dem Drang mehr Antworten zu finden und gleichzeitig noch viel mehr neue Fragen zu schaffen.

Einen Kurzbericht über die Konferenz aus der Runde des Organisations-Teams finden Sie hier: